Zwischen einsamer Felsenküste, Tsunami-Warnungen und Dosenkaffee – 1200 Kilometer Wandern durch Japans wilden Norden

Es gibt Reisen, die bleiben wegen der Sehenswürdigkeiten im Kopf. Und dann gibt es Reisen wie diese: sechs Wochen entlang der japanischen Pazifikküste. Der Wind auf den Klippen. Das Geräusch der Bärenglocke. Der dritte Automatenkaffee des Tages. Die Stille verlassener Orte in Fukushima. Und Menschen, die uns trotz Sprachbarriere plötzlich Tee, Wasser oder einen Zeltplatz anbieten.


Eigentlich wollten wir „nur“ den Michinoku Coastal Trail laufen. Am Ende wurden daraus 1200 Kilometer zu Fuß durch Nordjapan – etwa 1000 Kilometer auf dem Michinoku Coastal Trail und weitere 200 Kilometer auf dem Fukushima Coastal Trail, weil wir schneller unterwegs waren als gedacht und noch Zeit hatten.


Und weil Japan es geschafft hat, gleichzeitig wunderschön, absurd, anstrengend und zutiefst bewegend zu sein.
Der Michinoku Coastal Trail, kurz MCT, zieht sich über die Nordostküste Honshūs – jener Region, die 2011 vom großen Erdbeben und Tsunami verwüstet wurde. Viele kennen die Bilder von damals. Schwarze Wellen. Verwüstete Städte. Boote auf Hausdächern.
Wenn man heute dort wandert, begegnet einem diese Katastrophe ständig. Fast jeden Tag kommen wir an Gedenkstätten vorbei. Museen. Ruinen. Evakuierungswege. Zerstörte Schulgebäude. Küstenorten, die komplett neu aufgebaut wurden.
Und gleichzeitig ist der Trail unfassbar schön.
Gerade die ersten 500 Kilometer gehören zu den spektakulärsten Küstenwanderungen, die wir bisher erlebt haben. Schroffe Klippen. Kleine Fischerdörfer. Tunnel direkt durch die Felsen. Wälder voller Moos und Nebel. Leuchttürme. Endlose Buchten. Immer wieder diese Mischung aus Meer und Bergen.
Nur eben mit japanischem Einschlag.
Morgens sitzen alte Fischer vor ihren Häusern. Überall stehen Getränkeautomaten. Shinto-Schreine und buddhistische Tempel. Und an jedem Bahnhof wartet ein beheizter Warteraum.
Japan eben.

Winterliche Kälte, Schnee und das Glück eines Onsen


Als wir Ende März starten, fühlt sich das Ganze erstmal erstaunlich wenig nach Frühling an. Morgens frieren wir im Zelt. Der Wind von der Küste ist eisig. An manchen Tagen schneit es sogar.
Mehr als einmal sitzen wir morgens bibbernd mit zwei Kaffees im Zelt und wünschen uns in den neuseeländischen Sommer zurück.


Dafür lernen wir schnell die vielleicht größte japanische Erfindung kennen: Onsen.
Nach Tagen mit Regen, kaltem Wind und nassen Füßen gibt es kaum etwas Besseres, als in einem heißen Thermalbad zu sitzen, während draußen das schlechte Wetter vorbeizieht. Besonders nach langen Wandertagen werden die Onsen fast schon zum Ritual: erst Wäsche waschen, dann heiß baden, danach Bento-Boxen und Sake im Hotelzimmer.
Manchmal fühlen wir uns dabei eher wie im Luxusurlaub als auf einer Fernwanderung. Aber genau richtig.

Bärengebiet? Einfach Musik anmachen.


Nordjapan hat eine ziemlich hohe Schwarzbärendichte, und der Trail führt durch viele Waldgebiete mit Warnschildern.
Wir kaufen also Bärenspray und Bärenglocken im Baumarkt und entwickeln unterwegs unsere Anti-Bären-Strategie: Musik hören. So laut wie möglich. Am besten eignet sich dafür nach unserer Erfahrung Irish Folk. Dabei hoffen wir einfach, dass jeder Bär schon früh genug entscheidet, lieber woanders spazieren zu gehen.
Am Ende sehen wir keinen einzigen – nur Serau (japanische Ziegenantilopen) und Tanuki (Marderhund).

Dosenkaffee und die große Liebe zu Verkaufsautomaten

Was uns auf dieser Reise wahrscheinlich am konstantesten begleitet: japanische Verkaufsautomaten.
Sie stehen wirklich überall.
An einsamen Küstenstraßen. Mitten im Wald. Vor Schreinen. Auf Parkplätzen im Nirgendwo.
Und sie retten uns ständig.
Heißer Dosenkaffee am kalten Morgen. Trinkjoghurt nach langen Straßenetappen. Süße Softdrinks, deren Geschmack wir meistens nicht verstehen. Pudding aus der Dose. Irgendwelche undefinierbaren Energiegetränke.
Wir probieren uns wochenlang durch das Sortiment, obwohl wir sonst eigentlich keine Softdrinks mögen.
Aber nach 35 Kilometern Gegenwind schmeckt plötzlich auch die neonblaue Limonade erstaunlich gut.

Eine Tsunami-Warnung

Der emotional heftigste Tag der ganzen Reise beginnt eigentlich harmlos.
Wir besuchen stundenlang das Haupt-Tsunami-Museum der Region Iwate. Bilder der Zerstörung. Berichte von Überlebenden. Videos der Wellen. Evakuierungsgeschichten. Alles detailliert, ruhig und unglaublich eindringlich erzählt.
Danach laufen wir weiter.
Und plötzlich heulen Sirenen.
Tsunami-Warnung.
Zuerst verstehen wir gar nicht richtig, was los ist. Dann sehen wir Meldungen auf den Handys. Menschen werden hektischer. Eine Frau versucht uns zu warnen und bringt uns schließlich sogar zu einem offiziellen Evakuierungsgebäude.
Zum Glück befinden wir uns bereits etwa 60 Meter über dem Meeresspiegel.
Trotzdem ist die Stimmung surreal. Noch vor wenigen Stunden haben wir in einem Museum gelernt, wie schnell hier alles eskalieren kann. Und jetzt sitzen wir selbst mitten in einer echten Warnung.
Am Ende bauen wir unser Zelt neben einer Feuerwache auf. Irgendwann spätabends gibt es Entwarnung. Geschlafen haben wir trotzdem eher mittelmäßig.

Japanische Höflichkeit – und völlige Orientierungslosigkeit

Was das Reisen in Nordjapan manchmal schwierig macht: die Sprachbarriere.
Gerade abseits der Städte spricht oft kaum jemand Englisch. Gleichzeitig sind viele Schilder ausschließlich auf Japanisch. Manchmal wissen wir nicht einmal, was für eine Art Geschäft vor uns steht.
Ist das ein Restaurant? Ein Baumarkt? Ein Gemeindehaus? Ein Tempel?
Keine Ahnung.


Trotzdem funktioniert irgendwie alles.
Die Menschen sind unglaublich freundlich. Ruhig. Zurückhaltend. Hilfsbereit. Vor allem rücksichtsvoll. Gerade im Norden freuen sich viele ehrlich über Wanderer und Touristen.
Ein älterer Mann nimmt uns spontan mit zu einem Kirschblüten-Picknick. Bei einem Tempel dürfen wir im Garten zelten. Eine Frau bringt uns während der Tsunami-Warnung Eistee und Süßigkeiten vorbei. Ein Visitor Center am Weg öffnet extra früher für uns.
Und obwohl die Kommunikation oft eher aus Händen, Füßen und Übersetzungsapps besteht, fühlen wir uns selten unwillkommen.

Fukushima: seltsam, still und faszinierend


Weil wir schneller unterwegs sind als geplant, hängen wir noch den Fukushima Coastal Trail an.
Landschaftlich kann er mit dem spektakulären Norden ehrlicherweise nicht mithalten. Aber interessant ist er aus anderen Gründen.
Hier wandert man durch die Region rund um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi.
Immer wieder stehen Geigerzähler am Wegesrand. Teilweise laufen wir durch fast ausgestorbene Orte. Breite neue Straßen ohne Menschen. Verlassene Häuser. Ruinen. Halb bewohnte Dörfer.
Es hat etwas Gespenstisches.


Gleichzeitig wirkt vieles erstaunlich normal. Kinder spielen. Supermärkte laufen ganz gewöhnlich. Menschen fahren Fahrrad. Die Geigerzähler zeigen meist niedrige Werte an.
Und trotzdem bleibt dieses unterschwellige Gefühl, durch einen Ort zu laufen, der vor kurzem noch Sperrgebiet war.


Besonders absurd wird es, als wir früh morgens eine öffentliche Toilette in einer nagelneuen City Hall benutzen. Offenbar löst die Tür der öffentlichen Toilette dabei fälschlicherweise einen Alarm aus. Kurz darauf steht die Polizei vor uns. Nach
fast eine Stunde klärt sich mit unseren Pässen, Übersetzungsapps und der Überwachungskamera auf, dass wir wirklich nur die Toilette benutzt und nichts in der City Hall geklaut haben. Am Ende dürfen wir weiterlaufen.


Touristenprogramm in Tokio


Nach Wochen zwischen Küstenpfaden, Schreinen, Bärenwarnungen und Zeltplätzen fühlt sich Tokio fast unwirklich an.
Plötzlich wieder Menschenmassen. Blinkende Straßen. Shibuya Crossing. Überfüllte Tempel. Teamlabs. Curry-Buffets. Wolkenkratzer mit Blick bis zum Fuji.

Unsere Schuhe sind komplett durchgelaufen. Die Füße müde. Die Rucksäcke riechen fragwürdig. Und wir merken: Es reicht jetzt erstmal. Die Zeit war wahnsinnig intensiv und meistens schön. Jetzt freuen wir uns aber auf Zuhause.

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